Berühmt

Abb.1. Ausstellungsansicht, „Wilde Kindheit“, 2021 
Lentos Kunstmuseum Linz 
Foto: Philipp Greindl

Endlich. Geschafft. Nach über sechzig Jahren. Der Durchbruch ist gelungen. Ich bin im Museum. Aber welche Veränderung: Nun hänge ich mitten in einem hellen Raum an einem Alurohr von der Decke und drehe mich unermüdlich. Eigenartig ist auch, dass ich keinen Kinderpopo und keine Kinderbeine mehr bedecke, sondern dass mein Hosenbund nun über ein sonderbares rundes „Kunststoffetwas“ gespannt ist, ich aber sonst leer bin. Über mir an die Decke geschrieben sind vier Namen und Jahreszahlen. Ja, die sagen mir was. (Abb. 2)

Da ist mal die Ursula: Was hatte die für Freude mit mir, als ihre Mutter mich heimbrachte – so cool (würde sie heute sagen) erschien ich ihr in meiner roten Farbe. Die Nachbarskinder hatten nur so unscheinbare graue, braune oder weiße Strumpfhosen an – aber rot, das war schon was Besonderes damals. Anfangs durfte sie mich nur zu besonderen Anlässen tragen, sonntags oder zu Verwandtenbesuchen, aber wie es halt so kommt – beim Sonntagsspaziergang passierte es – das erste Loch. Ihre Mutter versuchte noch es möglichst ungeschehen zu machen. Die Krämerin im Ort hatte so eine große Schachtel mit Stopfwollen in allen farblichen Nuancen. Das passende Garn war bald gefunden. Schnell wurde ich über ein Stopfholz gesteckt und das Loch dezent gestopft. Über ein Jahr durfte ich mit Ursula verbringen. Dann aber wuchs sie heraus.

So kam ich zu Eva-Maria – na was soll ich sagen. Anfangs diente ich auch ihr noch als Sonntagshose – das gestopfte Loch, das ihr Ursula vererbt hatte, war wirklich kaum zu sehen. Sie war sehr lebhaft – sie hatte einen unermüdlichen Entdeckergeist und das hinterließ einige Spuren. Vor allem auf meinen Füßen, da sie ja auch immer wieder die Hausschuhe verweigerte. Anfangs versuchte ihre Mutter noch, die Löcher gewissenhaft zu stopfen – aber mit der Zeit ging auch das passende Stopfgarn aus und andere Wollreste mussten herhalten. Und da ich nicht mehr für den Sonntag taugte, wurde ich zu ihrem täglichen Begleiter – mit Pausen im Wäschekorb zwecks Reparaturbedürfnis. In ihrer Zeit mutierte meine Farbe auch zu einem schönen Rosarot. Welches Mädchen liebt nicht Pink?

Bei Bernadette war klar, dass ich in gute Hände oder sollte ich sagen Füße gekommen bin. Sie liebte mich und liebt mich nach wie vor. Nachdem auch sie mir noch einige Löcher verpasst hatte, vererbte sie mich an ihren jüngeren Bruder Johannes, der sich sichtlich wohl in mir fühlte. Doch selbst er schaffte es nicht, mir den Rest zu geben. Die Mutter der Huberkinder war beharrlich in ihrer Stopferei – oder vielleicht war ich ihr auch einfach ans Herz gewachsen – ich, die rote Strumpfhose …

Ich scheine schon etwas Besonderes gewesen zu sein und bin es, wie man heute sieht, noch immer. Welche Strumpfhose kann schon von sich behaupten, in einem Raum mit Arbeiten von VALIE EXPORT oder Marlen Haushofer ausgestellt zu sein. Aber, das möchte ich schon einwenden – ist die Kategorie „diszipliniert“ wirklich der geeignete Ort für mich? Mir persönlich würde die Zuordnung „unbekümmert“ viel besser gefallen. Oder ist es deswegen, weil ich nun gezähmt an einem Seil rotiere und so den Zeitenlauf versinnbildliche? Es ist ja mehr als das: auch so etwas wie eine alltägliche Strumpfhose hat manchmal viel zu sagen, kann – „verwundet“ vom Zahn der Zeit – die tiefere Bedeutung des Fragilen, des Einfachen und Unauffälligen sichtbar machen. Aber auch, dass schon vor allen Rufen nach Gleichberechtigung keine Unterschiede zwischen Mädchen und Buben gemacht wurden.

Zum Schluss muss ich nochmals Bernadette erwähnen. Ihr ist es vor allem zu verdanken, dass ich zu diesen hohen Ehren komme. Und es ist nicht das erste Mal, wo sie mich zum Mittelpunkt ihrer künstlerischen Arbeit macht. Wie schon der Titel weitertragen #3 vermuten lässt, gibt es noch andere Arbeiten mit mir. Ihre zwei Fotoarbeiten mit den Titeln weitertragen #1 und weitertragen #2 legen den Fokus auf die künstlerisch interpretierte Stopfkunst ihrer Mutter – von der böse Zungen behaupten, sie stamme von einem Bauer – als ob ein Bauer jemals Nadel und Faden in die Hand genommen hätte – früher. (Abb. 3) Ich würde eher sagen, sie ähneln in ihren Farbnuancierungen und Strukturierungen den Farbfeldmalereien eines Marc Rothkos.

Abb. 3 Bernadette Huber, weitertragen #1, Strumpfhose der vier Huberkinder | 1959 – 1967 
work in progress, Fotoarbeit
38,3 x 50 cm (optional) 2020 
© Foto: Bernadette Huber

Ausstellung – Wilde Kindheit Ide­al und Rea­li­tät von 1900 bis heute bis 05.09.21 – Lentos Kunstmuseum Linz

Ein Kommentar zu „Berühmt

  1. liebe monika,

    wie schade, dass du diese schau nicht im vorfeld mit deinem text beworben hast. ich finde ihn sehr gelungen und amüsant und weiß jetzt einmal mehr, dass ich eine sehenswerte ausstellung verschlafen habe.

    danke

    für deine demnächst beginnende reha wünsche ich dir den mittlerweile langersehnten und überfälligen erfolg – hab eine gute zeit.

    gute wünsche und herzliche grüße

    ulli

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