Anatomy meets Craft meets Art

Peritoneum 2018.08.16རྒྱུ་སྨད། 3 klein

© Abb. 1  Katharina Sabernig: SMALL AND LARGE INTESTINES

Zentral in der Mitte einer querformatigen Fotografie befindet sich vor einem schwarzen Hintergrund eine textile Komposition aus unterschiedlich gestrickten Artefakten: Gefüllte Schläuche, drapierte Rüschen und gewellte Flächen, Luftmaschennetze in den Farben Orange, Rot und Blau. Ein rotes und ein blaues Strickrohr quellen aus einer graubeigen Mitte heraus und verzweigen sich in vielfache Stränge. Diese über- bzw. durchziehen beinahe den gesamten arrangierten Bereich. Nur das obere, flacher gehaltene orange Gestrick ist davon ausgenommen. Orange dominiert. Auf der linken Seite ein heller, dickerer Wulst, der sich von rechts oben nach links unten zieht und in einen dünneren Schlauchfortsatz verjüngt. An dessen Oberseite eine leiterartige orange Schnur mit knorpelartigen Verdickungen. Alles wellt sich und scheint miteinander verbunden zu sein. Assoziationen einer organischen Formation kommen auf.

Blickt man genauer hin, dann fallen einem am oberen und unteren Rand helle, knochenartige Gebilde auf. Es könnten Teile des Oberschenkel- und Armknochenskeletts sein. Es scheint, als ob ein menschliches Skelett die Stütze für das textile Arrangement bildet. Damit bekommen auch die in den dunklen Grund eingefügten weißen Beschriftungen und fremd anmutende Zeichen eine Bedeutung. Caecum (Blinddarm) steht da beispielsweise oder jejunum (Leerdarm). Auch die Farbkombinationen der weichen Skulptur erscheinen unter dieser Annahme in einem anderen Licht. Erinnerungen ans Biologiebuch tauchen auf. Waren da nicht Arterien rot, Venen blau und Nerven gelb eingefärbt?

Diese gestrickte Topographie des menschlichen Verdauungsapparates stammt von der Ärztin Katharina Sabernig. Ihr besonderes medizinische Interesse gilt der Geschichte der gezeichneten Anatomie und deren Terminologie, insbesondere in der tibetischen Heilkunde. Seit ungefähr fünf Jahren kommen das Stricken von dreidimensionalen anatomischen Zusammenhängen beim Menschen dazu, welche sie in arrangierten Fotografien festhält. Aber auch Strickbilder menschlicher Gewebe entstehen.
(siehe Abb. 2)

Blickt man zurück, dann lässt sich sagen, dass mit Erforschung der menschlichen Anatomie Medizin und Bildende Kunst schon seit Jahrhunderten eine Liaison eingegangen sind. Als berühmtes Beispiel sei Leonardo da Vinci angeführt. Seine anatomischen Studien sind sowohl von künstlerischen als auch naturwissenschaftlichen Fragestellungen geprägt. Seine Bewegungsstudien zielten einerseits darauf, den menschlichen Körper der Natur entsprechend darzustellen, andererseits galt sein Interesse dabei auch medizinischen Zusammenhängen an sich.

Aber auch zeitgenössische Künstler*innen verarbeiten anatomische Sachverhalte in ihren Werken, beispielsweise Pipilotti Rist mit ihrem Videoobjekt Eindrücke verdauen (1993), bei der sie unter anderem endoskopische Aufnahmen des Magen- und Darmtraktes auf einem Screen abspielt.

Seit der Jahrtausendwende wiederum findet sich vermehrt Textil als Medium vieler Künstler*innen. Und auch hier finden sich Positionen, die sich gezielt mit dem menschlichen Körper auseinandersetzen. Birgit Diekers Hirnschnitte oder Herzschnitte, zusammengesetzt aus Kleidung, Karton und Stecknadeln seien erwähnt. Oder die Fotoarbeit von Margi Geerlink Untitled (Mother Knitting Child), bei der ein halbfertig gestrickter Unterleib eines Mädchens vor einer stehend strickenden Frau baumelt.

Warum vermehrt Textil, könnte man fragen. Zum einen ist es die Nähe des Materials zum menschlichen Körper – Textil als zweite Haut wird immer wieder assoziiert. Oftmals wird auch erwähnt, dass mit dem Überhandnehmen digitaler Prozesse dem menschlichen Körper taktile Erfahrungsmöglichkeiten von Welt abhandenkommen.[1]

Im Falle von Katharina Sabernig kommt auch ein zutiefst ethisches Bedürfnis hinzu. Das Textile, so die Medizinerin, gibt den Patient*innen die Möglichkeit einer „erfreulichen“ und vertrauensbildenden Anschauung. So zeigen ihre histologischen Strickbilder krankhafte Veränderungen im Gewebe, deren Ästhetik dazu führt, dass sich die erkrankten Menschen nicht sofort abwenden. Das Textile bietet ihnen eine Chance, sich bewusst mit pathologischen Krankheitsbildern auseinanderzusetzen, ohne dass sie sich dabei verletzt fühlen müssen. Doch gehen Katharina Sabernigs Arbeiten über didaktisches Anschauungsmaterial hinaus. Sie arbeitet mit künstlerischen Mitteln. Zum Einsatz kommen Fotografien, welche sie gezielt und mit ästhetischen Kriterien arrangiert. Und als solche lassen sie sich als „Arte-Fakte“ identifizieren, als Kooperation von Kunst und Handwerk.

[1] Vgl. HUNG, Shu/MAGLIARO, Joseph (Hg.), By Hand. The Use of Craft in Contemporary Art, New York 2007, 12.

histology_cervical carcinoma

Abb. 2 Katharina Sabernig, HISTOLOGY – CERVICAL CARCINOMA

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